Die Kohle muss weg

| Energiepolitik

Kohlekraftwerke verursachen in Deutschland 70 Prozent der Quecksilber-Emissionen. Abbildung: Greenpeace-Studie

Die Kohleverstromung behindert die Energiewende und ist hauptverantwortlich für massive Gesundheitsschäden und den Klimawandel. Es wird Zeit für einen sozialverträglichen Kohlausstieg.

Es gibt eine Institution, auf deren Konto gehen jedes Jahr über 3.000 Todesopfer. Mehr als 100.000 Menschen mussten wegen ihr in den letzten Jahrzehnten Haus und Hof verlassen. Ihren Geschäften kann sie ungehindert nachgehen, da ehemalige Minister und Abgeordnete auf ihrer Gehaltsliste stehen und sie bei Regierungen ein- und ausgeht.

Selbst wenn es die Institution einmal nicht mehr geben sollte, wird ihr Handeln über Jahrzehnte nachwirken. Gut 20 Milliarden Euro pro Jahr betragen die Schäden, die sie mit ihren Geschäften künftigen Generationen aufgebürdet hat. Wer jetzt an Waffenhändler, Terroristen oder Drogenkartelle denkt, liegt falsch. Ich spreche von einem Industriezweig, der deutschen Kohlewirtschaft.

Im Jahr 2012 blies allein Deutschlands größtes Braunkohlekraftwerk Jänschwalde in Brandenburg 505 Kilogramm Quecksilber in die Luft, so viel wie in 200 Millionen Energiesparlampen enthalten wären. Aufgrund der enormen Quecksilberbelastung bekämen fast alle deutschen Kohlekraftwerke in den USA gar keine Betriebserlaubnis. (siehe dazu auch diese Greenpeace-Studie)

Klimaschutz und Kohlestrom schließen sich aus

Braun- und Steinkohle sind für rund 40 Prozent der deutschen Kohlendioxidemissionen verantwortlich.Wollen wir mit Sicherheit das viel beschworene Zwei-Grad-Ziel beim Klimaschutz einhalten, darf bereits in 25 Jahren gar kein fossiles Kraftwerk mehr laufen. Das Umweltbundesamt beziffert die Klimafolgeschäden auf etwa 70 Euro pro Tonne Kohlendioxid. Die jährlichen Klimaschäden der deutschen Kohlekraftwerke liegen damit bei über 20 Milliarden Euro.

Wollte man diese verursachergerecht umlegen, müsste man allein dafür eine Kilowattstunde des so vermeintlich günstigen Braunkohlestroms mit sieben Cent belasten. Zählt man alle Schäden von Kohlekraftwerken zusammen, liegen diese deutlich über zehn Cent pro Kilowattstunde. Die vermeintlich teure EEG-Umlage ist ein Schnäppchen dagegen. Während die EEG-Umlage aber sauber auf der Stromrechnung ausgewiesen wird, tauchen die Kosten der Kohlewirtschaft nirgendwo explizit auf. Wir bezahlen sie über Krankenkassenbeiträge, Katastrophenhilfen, Deichbaumaßnahmen – und wir bezahlen sie mit tausenden Einzelschicksalen.

Trotzdem erhält in Deutschland die Kohle eine parteiübergreifende Unterstützung. Egal ob rot-grün in Nordrhein-Westfahlen, rot-rot in Brandenburg, schwarz-gelb oder schwarz-rot im Bund, keine Regierung hat bislang einen Ausstiegsplan aus der Es geht nämlich bei der Braunkohle um 22.000 direkte Arbeitsplätze und damit auch um Wählerstimmen. Paradoxerweise wurden dafür hierzulande in den vergangenen zwei Jahren über 60.000 Jobs in der Photovoltaik vernichtet. Um einen Arbeitsplatz in der Braunkohle zu erhalten, wurden drei PV-Arbeitsplätze geopfert.

Ehrlich wäre ein sozialverträglicher Ausstiegsplan

Klimaschutz und Energiewende passen mit der Kohleverstromung nicht zusammen.. Ehrlich wäre es, so schnell wie möglich einen sozialverträglichen Ausstiegsplan aus der Kohlenutzung zu entwickeln (Anmerkung der Redaktion: siehe dazu auch diese Studie des IÖW).

Würde der Kohleausstieg über 15 Jahre gestreckt, fielen gerade einmal vier Braunkohle-Arbeitsplätze pro Tag weg. Rund die Hälfte der Beschäftigten in der Braunkohle geht in dem Zeitraum sowieso in Rente.

Jedes Kilowatt Windkraft und Photovoltaik ist jetzt ein gutes Kilowatt, denn es verdrängt wieder ein weiteres Stückchen Kohle.

Die letztjährigen Rekordinstallationszahlen der Windkraft haben Fakten geschaffen, die den Energiewendegegnern die Haare ausgehen lassen. Da haben sie mit einem politischen Kraftakt dem Photovoltaik-Ausbau in Deutschland den Garaus gemacht und nun boomt urplötzlich der Wind. Ausschreibungen werden den Windenergieausbau allerdings ab 2017 in die Schranken weisen. Viele Menschen wissen immer noch nicht, wie billig Solaranlagen inzwischen geworden sind. Gelingt es, das Kommunikationsproblem zu lösen, sind auch bei der Photovoltaik wieder deutlich mehr als zwei Gigawatt Zubau zu schaffen.

Bislang ging der regenerative Ausbau vor allem zu Lasten von Gaskraftwerken. Im Dezember letzten Jahres haben regenerative Kraftwerke kurzzeitig bereits mehr als 70 Prozent der deutschen Stromnachfrage gedeckt. Als Folge musste die Stromerzeugung der Braunkohle und Kernkraft gedrosselt werden. Erreicht die regenerative Erzeugung schon bald zeitweise 80, 90 oder 100 Prozent, sind Grundlastkraftwerke nicht mehr in der Lage, die Schwankungen auszugleichen. Die konventionellen Kraftwerke geraten weiter finanziell stark unter Druck und regenerative Anlagen müssen dann aus Stabilitätsgründen großräumig vom Netz gehen.

Das wird sehr anschaulich demonstrieren, dass Kohlekraftwerke eben nicht die viel beschworene Brückentechnologie sind. Statt dessen müssen wir diese Kapazitäten schnellstmöglich mit regelbaren erneuerbaren Kraftwerken und Speichern ersetzen. Hier sind die regenerativen Unternehmen und die Forschung gefragt.

Autor: Volker Quaschning (bearbeitet von Thomas Seltmann)

Die vollständige Langfassung des Beitrags finden Sie hier auf der Internetseite des Autors.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat gerade einen "Kohleatlas" mit zahlreichen Daten und Fakten über die weltweite Kohlenutzung und ihre Folgen und Folgekosten veröffentlicht. Nähere Informationen hier.

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